Hamburg – St. Michaelis

Die Hamburger nennen mich liebevoll ihren „Michel“. Ich bin stolz darauf, dass mein Turm am 11.11.11 der erste „Bücherturm“ sein durfte! Nur 7 Monate haben die Hamburger Kinder gebraucht, um über 13 200 Bücher zu lesen. Das müssen spannende Geschichten gewesen sein. Aber die Geschichten, die ich erlebt habe sind auch nicht ohne. Davon will ich gern ein bisschen erzählen.

Von meiner Turmplattform aus habe ich einen herrlichen Blick auf die Elbe.
Früher sah ich Großsegler, Kutter, Schlepper und Fährschiffe vorbeifahren.
Ab und zu auch Schmuggler oder Piraten. Heute kommen große Containerschiffe, Kreuzfahrtschiffe wie die „Queen Mary“ oder eine der bunt bemalten „Aidas“ vorbei.
Besonders mag ich die großen Schiffsparaden bei den Cruise Days oder dem Hafengeburtstag. Alle Schiffe, die Elbe heraufkommen, sehen mich schon von Weitem und von den Touristen an der Reling werde ich fotografiert wie ein Filmstar.
Jetzt macht mir die Elbphilharmonie ein bisschen Star-Konkurrenz. Aber ich betrachte sie als meine kleine, klingende Schwester. Bei ihr ertönt die Konzert-Musik nur drinnen. Bei mir dagegen hört man die Musik nicht nur drinnen im Kirchenschiff (bei den Gottesdiensten und Konzerten), sondern meine Glocken und den Turmbläser hört man auch draußen ringsum im Quartier. Tja, man muss heutzutage schon ein wenig auf sich aufmerksam machen als alter Kirchturm!
Heute stehe ich mitten in der Stadt. Aber als ich gebaut wurde (1647-1669) gehörte mein Standplatz zur „Neustadt“, die allmählich innerhalb der großen neuen Wallanlagen entstand. Ihre Mauern und Gräben haben Hamburg eine zeitlang erfolgreich vor Feinden beschützt.
Meine Geschwister, die vier anderen Hamburger Hauptkirchen (Petri, Nikolai, Katharinen und Jacobi), gab es schon längst. Ich war das jüngste Turmkind, wurde aber schnell zum Wahrzeichen der Stadt. Mein Turm ist ja heute auch 14 cm höher als der Turm der Petrikirche. Und das ist nicht vermessen! Außerdem stehe ich auf einem Hügel, damit ich nicht nur für Besucher auf der Elbe gut sichtbar bin.
Ich hab in meinen fast 350 Jahren allerhand mitgemacht, das kann ich euch sagen. Und es ist ein Wunder, dass ich überlebt habe, bzw. wiederbelebt worden bin.
Am 10. März 1750, als ich knapp 80 Jahre alt war, wurde morgens um 11h mein Turm vom Blitz getroffen. Da das Feuer erst um 12.45 h bemerkt wurde, konnte der Brand nicht mehr gelöscht werden. Ich brach erschüttert zusammen und fiel auf das Kirchendach.
Ein Jahr später wurde der Grundstein für den „neuen Michel“ gelegt, aber erst sechsunddreiig Jahre später (1786) stand ich wieder in voller Größe da. Ich war aus stabilem Holz und meine Turmhaube wurde mit Kupfer verkleidet. Das sah sehr schön aus! Besonders, als der Kupferturm dann die grüne Patina ansetzte, die für Hamburg so typisch ist.
Und dann wurde ich im 19. Jahrhundert sogar zum Star eines wissenschaftlichen Experiments: Der Physikprofessor Johann Friedrich Benzenberg nutzte nämlich im Jahr 1802 meine stattliche Höhe für Fallexperimente, um die Erdrotation nachzuweisen.
Er ließ im Innenraum meiner Kirche aus 76,30 m Höhe Bleikügelchen herunterfallen. Und weil die während des freien Falls ihre Bahngeschwindigkeit beibehielten, trafen sie nicht genau im Lotpunk unten auf dem Boden auf, sondern um 8,7 mm nach Osten verschoben. Das bewies, wie schnell sich die Erde dreht. Spannend, oder?

Vierzig Jahre später kam es zur schlimmsten Brandkatastrophe der Stadt. Am 5. Mai 1842 brach nachts um 1 Uhr in der Deichstraße am Nikolaifleet ein Feuer aus, das sich schnell in der Altstadt verbreitete. Ich habe gezittert, das könnt ihr euch vorstellen! Ich weiß schließlich aus eigener Erfahrung wie schrecklich eine Feuerkatastrophe ist. Der ganze Himmel war glühend rot und die Menschen liefen aufgeregt durcheinander. Alle versuchten zu löschen und Leben zu retten. Die halbe Innenstadt wurde durch den Feuersturm vernichtet. Auch meine ältere Schwester, die Nikolaikirche, wurde durch den Brand zerstört. Doch zum Glück blieb ich diesmal verschont.
Aber das Feuer blieb weiterhin eine große Gefahr für mich. Am 7. Juli 1906, fing bei Lötarbeiten das Holz im Dachstuhl Feuer und mein Kirchenschiff brannte wieder bis auf die Grundmauern nieder. Zum dritten Mal in Schutt und Asche! Ich war verzweifelt, das könnt ihr euch vorstellen. Aber ein Hamburger Michel gibt nicht so leicht auf. Und die Hamburger auch nicht. So verdanke ich es der Treue und Einsatzbereitschaft der Hamburger Bürger, dass ich mit viel Mühe, Arbeit und Spendengeldern schließlich wieder aufgebaut wurde.
Am 19. Oktober 1912 wurde ich wieder eingeweiht. Zwei Jahre später begann der erste Weltkrieg (1914-1918). Den hab ich zum Glück einigermaßen überstanden. Allerdings hab ich meine Stimme verloren, denn meine Glocken und meine Orgelpfeifen wurden mir geraubt, um für Rüstungszwecke eingeschmolzen zu werden! Nach dem Krieg hat man eine der Glocken auf einem Glockenfriedhof in der Eifel wiederentdeckt.
Im zweiten Weltkrieg (1940-1945) musste ich voller Trauer mit ansehen, wie meine ganze Umgebung durch Bomben zerstört wurde. Ihr könnt auf alten Fotos sehen, wie trostlos das aussah.
Ich hoffte, dass ich diesmal verschont bleiben würde. Aber kurz vor Kriegsende, wurde doch noch das Hauptschiff von einer Bombe getroffen. Es dauerte sieben Jahre, bis die Schäden beseitigt waren. Ich hoffe, dass es nie wieder Krieg gibt!!!
Seit der Zeit gibt es immer wieder Schäden zu reparieren.
Erst 2008-2009 wurde das Kupferdach erneuert und der Innenraum renoviert.
Und zwei neue Glocken hab ich Ende 2015 auch bekommen. Jetzt hört man mich wieder mit voller Stimme, wenn ich verkünde, was es geschlagen hat.
Und dann gibt es ja noch den Turmbläser, der seit 300 Jahren morgens um 10 Uhr und abends um 9 Uhr einen Choral auf seiner Trompete bläst. Das war früher das Signal zum Öffnen und Schließen der Stadttore. Heute weckt er morgens Langschläfer und verkündet abends Kindern, wann sie spätestens im Bett liegen sollten.

Es ist ein Wunder, dass ich mich nach den vielen Schicksalsschlägen immer wieder wieder erholen konnte. Ich bin ein „Stehaufturm“ geworden, auf den Hamburg mit Recht stolz sein kann, wie ich finde. Und so blicke ich auch zuversichtlich in die Zukunft.
Ich freue mich über alle Gäste, die mich besuchen. Bei den Weihnachtskonzerten und -Lesungen sind die 2500 Sitzplätze meist ausverkauft. Aber zu den Gottesdiensten könnten mehr Hamburger kommen! Es gibt Leute in der Stadt, die mich noch gar nicht aus der Nähe kennen. Dabei lohnt sich der Besuch wirklich für euch alle: Von meiner Turmplattform (in 83 m Höhe) aus habt ihr einen wunderbaren Ausblick auf Stadt und Elbe. Sportler steigen zu Fuß hinauf. Aber es gibt auch einen Aufzug!

Nach dem Abschluss-Lesefest der Büchertürme im Michel sind einige mutige Klassen zu Fuß hinaufgeklettert und haben die Treppen gezählt. Es sind 453 Stufen. Ob es stimmt?
Ihr könnt gern nachzählen…

(Ursel Scheffler)

An Weihnachten 2015 konnte man die neue Michel-Glocke im Kirchenschiff ganz aus der Nähe bewundern.

Foto: Ursel Scheffler

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