Turmgeschichten Rostock

Der Geist von Jakobi

Fast vergessen steh‘ ich hier,
viel sehen kann man nicht mehr von mir.
Eine stattliche Kirche war ich einst,
nun bin ich nichts weiter als ein Geist.

Im Westen der Stadt stand ich fast 600 Jahr‘,
doch auf einmal war der Krieg ganz nah.
Die Stadt tat ihr Übriges, wollt mich nicht mehr haben,
passte nicht mehr ins Stadtbild, niemand hörte mein Klagen.

Ein Denkmal mit viel Grün erinnert heut an mich,
spazieren kann man dort besonders gut bei hellem Licht,
Kommt vorbei, dann werdet ihr schon sehen.
Die ein oder andere Runde lässt sich herrlich bei mir drehen.

Und auch Bücherlesen kann man bei mir gut!
Traut euch ruhig her, habt nur Mut!
Stellt euch nur vor, wie hoch ich war!
Und das nun als Bücherturm, wär‘ das nicht wunderbar?

Katharina Bonke


Die schöne Marie

Ein Vögelchen hat mir letztens eine wunderbare Nachricht verraten: Ich, die schöne Marie, bin das neue Ziel beim Büchertürme-Projekt.

Von meinem guten Freund, dem Petri-Turm, habe ich schon die tollsten Sachen gehört. Viele Kinder haben ihn besucht und so viele Bücher gelesen, dass sie, wenn man sie übereinanderstapelt, noch höher sind, als er selbst. Wow! Da war ich echt beeindruckt. Immerhin ist der Petri-Turm mit seinen knapp 117m ja nicht gerade klein. (Dafür ist er aber auch der größte Jammerlappen von ganz Rostock, aber das habt ihr nicht von mir. Immer heult er, wenn es irgendwo mal ein bisschen blitzt…)

Ich selbst bin nicht ganz so groß wie der Petri-Turm. Also nur 86m und ich glaube die Kinder schaffen es locker, mich zu erlesen. Vielleicht sogar zweimal? Dann könnte ich ein bisschen vor dem alten Petri-Turm angeben. Angefangen wurde ja schon. Aber es können noch ganz viele Kinder mit ihren Grundschulklassen mitmachen. Je mehr desto besser und ein ganzes Schuljahr ist ja Zeit. Gerade jetzt zur Winterzeit kann ich mir nichts Schöneres vorstellen, als irgendwo im Warmen zu sitzen und gemütlich ein Buch zu lesen. Also, wenn ich lesen könnte. Leider hat es in den letzten knapp 800 Jahren niemand für nötig befunden, mir das Lesen beizubringen. Seit 1232 stehe ich hier in der Innenstadt von Rostock und beherberge auch ein paar hübsche Bücher, aber niemand hat sich bisher die Zeit genommen, mir mal zu zeigen, was darin steht.

Aber eventuell kommen ja bald ein paar Kinder vorbei und lesen mir aus ihren Büchern vor. Dann habe ich das Gefühl, dass ich ein bisschen mitgeholfen habe. Im Austausch können sie sich gern meine hübschen Innenräume ansehen. Die können sich nämlich echt sehen lassen. Zum Beispiel habe ich eine Kanzel und einen Altar, auf denen ganz viele Bilder zu sehen sind. Durch die goldenen Verzierungen und die kleinen Engelchen sehen sie auch echt sehr prunkvoll aus. Nicht, dass jemand denkt, dass ich ein bisschen eingebildet bin, aber mir haben schon viele Leute gesagt, wie hübsch es in meinem Inneren aussieht. Wahre Schönheit kommt eben von Innen.

Auch die Orgel mag ich sehr gern. Nicht nur, dass sie ebenfalls wunderschön anzusehen ist (wie alles an mir), auch für die Ohren ist sie ein echtes Klangerlebnis. Ich muss allerdings zugeben, dass ich noch nicht so viele Orgeln gehört habe. (Vor allem gibt sie immer so lustige Töne von sich, wenn sie geputzt wird.)

Das wahre Schmuckstück ist aber die astronomische Uhr, die sich ebenfalls in meinem Innern befindet. Ganze 16m² ist das Ziffernblatt groß. Also viel zu groß, um es um ein Handgelenk zu tragen, so viel ist mal sicher. Das Besondere ist aber, dass die Uhr zu jeder vollen Stunde Musik spielt. Dafür muss sie aber auch jeden Tag fünfmal aufgezogen werden.

An der Uhr kann mich nicht nur die genaue Uhrzeit ablesen, sondern auch, welches Tierkreiszeichen gerade in Mode ist, ob wir abnehmenden oder zunehmenden Mond oder welchen Monat wir gerade haben. Falls das also mal einer vergisst, kann er gern zu mir kommen und nochmal nachschauen. Sie ist sozusagen eine Wunderuhr.

Es lohnt sich wirklich, mich mal zu besuchen. Ich freue mich darauf, in diesem Schuljahr (2018/19) ganz viele Kinder kennenzulernen und ihre Geschichten zu hören. Das wird klasse!

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